Das Impostor-Syndrom - wenn Du Deiner eigenen Kompetenz nicht traust
«Jemand sagt: Gut gemacht. Und Du hast es schon kleingeredet, bevor es bei Dir angekommen ist.»

Donnerstag, kurz nach fünf, in der S-Bahn nach Hause. Sabine liest die E-Mail zum dritten Mal. Der Auftraggeber hat sie am Nachmittag an das ganze Projektteam geschickt: Die Übergabe sei reibungslos verlaufen, und das sei vor allem ihr zu verdanken. Kurz darauf stand ihr Vorgesetzter an ihrem Pult. «Super gemacht, Sabine. Das nächste Projekt würde ich gern Dir geben, es ist deutlich grösser.» Sie hörte sich antworten: «Das war vor allem das Team. Und wir hatten Glück mit den Lieferanten.» Jetzt sucht sie in der E-Mail nach dem Haken. Sie findet keinen, und ruhiger wird sie davon nicht. Zwischen Stadelhofen und Stettbach legt sie sich schon zurecht, weshalb ein Kollege für das grössere Projekt besser geeignet wäre. Beim nächsten Projekt, denkt sie, merken alle, dass ich das gar nicht kann.
Vielleicht kennst Du das. Jemand anerkennt Deine Arbeit, und Du winkst ab. Zurück bleibt eine Unruhe, als hättest Du etwas bekommen, das Dir nicht zusteht.
Was hinter dem Impostor-Syndrom steckt
Die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes haben dieses Erleben 1978 zum ersten Mal beschrieben. Sie hatten mit über 150 erfolgreichen Frauen gearbeitet, die ihre Leistungen mit Glück, Fleiss oder Sympathie erklärten und fürchteten, eines Tages als Hochstaplerinnen aufzufliegen. Clance und Imes sprachen von einem Phänomen. Der Begriff «Syndrom» kam später dazu und klingt nach einer Diagnose, die es nicht gibt. Heute wissen wir, dass auch Männer dieses Erleben kennen und dass beruflicher Erfolg nicht davor schützt.
Clance hat auch beschrieben, weshalb Erfolg hier nicht beruhigt. Vor einer Aufgabe steigt die Anspannung. Manche bereiten sich übermässig vor, andere schieben lange auf und arbeiten dann unter Hochdruck. Gelingt es, lautet die Erklärung: Ich habe eben mehr gearbeitet als die anderen, oder ich hatte Glück. Der Erfolg wandert auf das Konto des Aufwands und vor der nächsten Aufgabe beginnt der Zweifel von vorn, nur liegt die Latte jetzt höher.

Warum Anerkennung manchmal ins Leere läuft
Im letzten Artikel ging es um Überverantwortung, um die Hand, die nach der Last greift, bevor jemand gefragt hat. People Pleasing und Impostor-Erleben sind zwei verschiedene Dinge. In meiner Arbeit begegnen sie mir trotzdem oft gemeinsam, und ich habe eine Vermutung, weshalb.Wer früh gelernt hat, zu lesen, was andere erwarten, und sich danach zu richten, zeigt oft die Version von sich, die gut ankommt. Das ist der Kern von People Pleasing, und damit kann man beruflich weit kommen. Zurück bleibt jedoch manchmal eine Frage: Sehen die anderen mich oder die Version von mir, die gelernt hat, keine Angriffsfläche zu bieten? An dieser Stelle kann Anerkennung ins Leere laufen, und hier berühren sich die beiden Muster.
Beiden gemeinsam ist der Wunsch, gesehen und geschätzt zu werden, und oft das Gefühl, dass dieser Wert an Bedingungen geknüpft ist, beim People Pleasing daran, es anderen recht zu machen, beim Impostor-Erleben an Leistung. Dort kommt noch etwas dazu: Jeder Erfolg hebt innerlich die Messlatte für das nächste Mal, und der Druck wächst mit.
Vielleicht gibt es auch in Dir einen Teil, der Erfolge kleinredet. Er versucht zu verbergen, wie unsicher Du Dich manchmal fühlst, und will Dich davor bewahren, als unfähig dazustehen. In meiner Arbeit mit Führungspersonen erlebe ich oft, wie viel Kraft in dieses Verbergen fliesst.
Schwäche oder Verletzlichkeit: ein Unterschied, der entlastet
Sabine hält ihre Unsicherheit für eine Schwäche, und Schwächen zeigt man nicht. Also behält sie für sich, dass ihr das grössere Projekt Respekt einflösst. In der Gewaltfreien Kommunikation unterscheiden wir zwischen Schwäche und Verletzlichkeit. «Ich bin dem nicht gewachsen» ist ein Urteil über mich. «Wenn ich an dieses Projekt denke, bin ich unsicher» sagt, wie es mir gerade geht. Und ich kann anfügen, was ich brauche: «Bei den Vertragsverhandlungen wünsche ich mir Unterstützung.» Den ersten Satz behalte ich lieber für mich, die beiden anderen kann ich jemandem anvertrauen.Solange Sabine nichts von ihrer Unsicherheit zeigt, erfährt sie auch nie, dass andere gut damit umgehen könnten.
Woran Du merkst, dass Du Dich gerade kleiner machst
Der Körper ist meist schneller als der Satz. Noch bevor Du entscheidest, die Anerkennung kleinzureden, hat er vielleicht schon auf Alarm geschaltet. Dir wird warm im Gesicht, Dein Blick geht zur Seite, die Hände suchen etwas zu tun. Dann kommt das «Ach, das war doch nichts».Wenn Du das nächste Mal Anerkennung bekommst, versuch es mit einem einzigen Wort: «Danke.» Lass den Satz, der danach kommen will ungesagt und beobachte, was in Dir geschieht. Vielleicht merkst Du dann erst, wie schwer es ist, Anerkennung einfach stehen zu lassen.
Sabine ist einen Schritt weiter gegangen. Am Freitagmorgen stand sie im Büro ihres Vorgesetzten. «Deine Rückmeldung hat mich gefreut. Wenn ich an das neue Projekt denke, bin ich auch etwas verunsichert, vor allem was die Vertragsverhandlungen angeht. Ich wäre deshalb froh um Unterstützung, und gerade bei den ersten Gesprächen hätte ich gern jemanden mit Erfahrung an meiner Seite.» Er überlegte kurz und sagte: «Das verstehe ich. Wen hättest du gern dabei?»
Eine Frage für einen ruhigen Moment
Was wäre, wenn Du gleichzeitig kompetent und unsicher sein dürftest?Im nächsten Artikel geht es um eine nahe Verwandte dieser Zweifel, den Perfektionismus, und darum, weshalb «gut genug» sich so selten nach genug gut anfühlt.
Wenn Dich dieses Thema bewegt, findest Du hier weiterführende Artikel: Wenn Verantwortung zur Last wird - und woher das kommt, Der innere Radar - wenn ein fein eingestelltes Gespür Kraft kostet, Die Wurzeln: Woher das Muster kommt - und warum es damals Sinn ergab. Oder komm an einen unserer Infoabende und schau, ob das, was wir tun, zu Dir passt.