Oktober 2026

Wenn Verantwortung zur Last wird - und woher das kommt

«Du springst ein, bevor jemand gefragt hat. Und merkst erst am Abend, wie viel Du den ganzen Tag getragen hast.»

Wann hast Du zuletzt etwas übernommen, das gar nicht Dir gehört?

Dienstagabend, kurz nach halb sieben. Im Schulhaus ist es still geworden, nur im Büro der Schulleitung brennt noch Licht. Elena sitzt vor einer E-Mail an zwei Eltern, die sich über eine Note beschwert haben. Zuständig wäre die Klassenlehrerin. Am Mittag im Lehrerzimmer hat Elena aber gesehen, wie erschöpft die junge Kollegin wirkte. Sie wollte nicht, dass es für sie zu viel wird, und bevor sie richtig nachgedacht hatte, war der Satz schon gesagt: «Lass nur, ich mach das schnell. Solche E-Mails habe ich schon oft geschrieben.»

Jetzt sitzt sie am dritten Entwurf. Daneben liegt der Stellvertretungsplan für die nächste Woche, den sie auch noch anpassen wollte. Auf dem Handy leuchtet eine Nachricht ihres Mannes auf: «Kommst Du zum Znacht?» Elena tippt «Bin gleich da.» und weiss, dass es noch eine Stunde dauern wird. Die Kollegin ist längst zu Hause. Sie weiss nicht einmal, dass Elena noch an ihrer E-Mail sitzt.

Vielleicht kennst Du das. Du bemerkst, dass jemand kämpft, und Deine Hand greift schon nach der Last, bevor Du Dich gefragt hast, ob sie Dir gehört. Im Moment fühlt sich das richtig an, manchmal sogar gut. Später, oft erst am Abend, merkst Du, wie viel es Dich gekostet hat.


Wie aus feinem Gespür Überverantwortung wird

Im letzten Artikel dieser Serie ging es um den inneren Radar, jenes feine Gespür, das Stimmungen wahrnimmt, bevor sie ausgesprochen sind. Überverantwortung ist oft sein nächster Schritt. Der Radar meldet, dass jemand überfordert ist, und etwas in Dir setzt sich in Bewegung, bevor Du entschieden hast, ob Du helfen willst.

Es gibt diesen Teil in Dir, der sich meldet, sobald jemand zu kämpfen scheint. Er meint es gut. Manchmal sagt er: «Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.» Häufiger klingt er ganz harmlos: «Ich mach das schnell, mir geht das ja leicht von der Hand.» Oft stimmt das sogar, denn Du hast die Erfahrung und bist schneller. Gerade deshalb greift dieser Teil so selbstverständlich zu, dass Du erst mittendrin merkst, wessen Aufgabe Du gerade erledigst.

Belohnt wird er ebenfalls. Wer zuverlässig einspringt, gilt als belastbar, und für Menschen mit einer Tendenz zu People Pleasing fühlt sich Übernehmen oft wie gesicherte Zugehörigkeit an. Irgendwann kommt manchmal auch Ärger dazu. Elena kennt den Gedanken, der ihr dann durch den Kopf geht und der ihr selbst unangenehm ist: «Warum eigentlich immer ich?»

Wie viel von dem, was Du trägst, trägst Du für andere?

Wenn Fürsorge die Augenhöhe verschiebt

Elena wollte ihre Kollegin schonen. Das ist gut gemeint. In der Schonung steckt aber eine leise Botschaft, die Elena selbst nie so formulieren würde: Ich traue Dir das nicht ganz zu. Aus zwei Kolleginnen auf Augenhöhe wird für einen Moment eine, die kann, und eine, die geschützt werden muss.

In meiner Arbeit mit Teams beobachte ich immer wieder: Wenn jemand dauerhaft mehr übernimmt, ziehen sich andere nach und nach zurück. Nicht unbedingt aus Bequemlichkeit. Es spielt sich einfach ein. Je häufiger Elena einspringt, desto selbstverständlicher werden schwierige Gespräche an die Schulleitung weitergegeben. Und mit jedem Mal wächst bei ihr der Eindruck: Ohne mich geht es nicht.

Beitragen oder Verantwortung übernehmen: eine feine Unterscheidung

In der Gewaltfreien Kommunikation unterscheiden wir zwischen dem Bedürfnis, zum Wohlergehen anderer beizutragen, und dem Übernehmen von Verantwortung für andere. Von aussen ist der Unterschied kaum zu sehen.

Beizutragen kann sehr erfüllend sein, vor allem wenn wir es freiwillig tun. Verantwortung für andere zu übernehmen heisst dagegen, dass ich mich für ihre Gefühle und ihr Gelingen zuständig fühle und aus dem Blick verliere, was sie selbst können.

Viele zögern an dieser Stelle, weil sie Angst haben, hart zu werden. Elena möchte auf keinen Fall eine Schulleiterin sein, die kühl sagt: «Das müssen Sie selbst lösen.» Also trägt sie weiter. Es gibt aber mehr Möglichkeiten als Übernehmen oder Abweisen. Eine davon hat Elena am nächsten Morgen ausprobiert.

Woran Du spürst, dass Du gerade zu viel trägst

Überverantwortung zeigt sich oft zuerst im Körper, noch bevor der Kopf sie bemerkt. Vielleicht greift Deine Hand schon nach dem Dossier, während die andere Person noch spricht, oder Deine Schultern ziehen sich unmerklich nach oben, als würden sie sich auf Gewicht vorbereiten. Bei Elena ist es der Nacken, der sich abends hart anfühlt.

Und dann ist da dieser Impuls, der fast von allein kommt: «Ich mach das schnell.» Und schon hast Du übernommen, ohne Dich zu fragen, ob es überhaupt Deins ist.

Wenn Du das nächste Mal spürst, wie Deine Hand nach einer Aufgabe greift, halte einen Atemzug lang inne. Du musst nichts entscheiden, stell Dir nur die Frage: Wem gehört das?

Manchmal ist die Antwort klar und Du übernimmst gerne und aus freien Stücken. Manchmal merkst Du, dass es jemand anderem gehört. Dann kannst Du eine zweite Frage ausprobieren, diesmal an Dein Gegenüber: «Was brauchst Du, damit Du das selbst angehen kannst?»

Elena hat das am nächsten Morgen versucht. Sie hat die Kollegin gefragt, ob sie das Elterngespräch gemeinsam vorbereiten wollen, anstatt es ihr ganz abzunehmen. Die Kollegin wirkte zuerst überrascht, dann nickte sie und holte ihre Unterlagen.

Das klingt leichter, als es manchmal ist. Wenn Du etwas liegen lässt, wird sich dieser Teil in Dir melden, vielleicht als Unruhe im Bauch. Das ist möglicherweise unangenehm, aber okay. Mit der Zeit stellst Du vielleicht fest, dass es auch geht, wenn Du nicht sofort übernimmst. Und manchmal macht die andere Person es anders, als Du es gemacht hättest. Das auszuhalten, ist vielleicht die nächste Übung.

Eine Frage für einen ruhigen Moment

Was trägst Du gerade für jemanden, der es selbst tragen könnte - und was würde sich zwischen Euch verändern, wenn Du es ihm zutraust? Im nächsten Artikel geht es um eine Facette, die viele verantwortungsvolle Menschen kennen und selten aussprechen: das Impostor-Syndrom, das Misstrauen gegenüber der eigenen Kompetenz.  

Wenn Dich dieses Thema bewegt, findest Du hier weiterführende Artikel: Der innere Radar - wenn ein fein eingestelltes Gespür Kraft kostet, Die Wurzeln: Woher das Muster kommt - und warum es damals Sinn ergab, Wann ist Freundlichkeit People Pleasing - und wann echtes Beitragen?. Oder komm an einen unserer Infoabende und schau, ob das, was wir tun, zu Dir passt.