Ein gelber Ball und die Kunst, Schritt für Schritt zu lernen
Ich durfte das neue Jahr auf Hawaii beginnen. Mit Wärme, Weite – und etwas, das mich immer wieder aufs Neue begeistert: Tennis. Ich nehme hier Tennisstunden, nicht mit einem Leistungsziel, sondern aus Freude an Bewegung, Lernen und Leichtigkeit. Und je länger ich auf dem Platz stehe, desto mehr fasziniert mich, wie viel Tennis mit dem zu tun hat, was mich seit Jahren begleitet: der Gewaltfreien Kommunikation.

Lernen scheitert selten am Wissen
Mein Tenniscoach Terry sieht sofort, wo ich ansetzen könnte. Locker bleiben, früh ausholen, die Knie beugen, den Ball im Blick behalten. Theoretisch ist das alles schlüssig. Praktisch merke ich jedoch schnell, was passiert, wenn ich versuche, all diese Hinweise gleichzeitig umzusetzen: Körper und Kopf geraten unter Druck, der Rhythmus geht verloren, und statt mehr entsteht weniger.
Also machen wir etwas anderes. Wir richten den Fokus bewusst auf eine einzige Sache und bleiben eine Weile genau dort. Nicht, weil die anderen Hinweise unwichtig wären, sondern weil Lernen Zeit braucht, um sich im Körper zu verankern. - Den Fokus zum Beispiel darauf halten, den Ball wirklich zu sehen – präsent, nicht technisch korrekt. Schlag für Schlag.
Mit der Zeit beginnt sich etwas zu verändern. Der Körper lernt auf seine Weise, die Bewegung wird runder und selbstverständlicher. Ich muss weniger denken und kann mehr im Moment bleiben. Irgendwann, fast spielerisch, entsteht dann Raum, den Fokus zu wechseln, wieder nur auf einen Aspekt. Das bringt Abwechslung, Leichtigkeit und spürbare Erfolgserlebnisse.
Wenn ein vertrauter Anspruch auftaucht
Während ich spiele, bemerke ich zugleich etwas sehr Vertrautes. Auch hier meldet sich dieser innere Anspruch: «Jetzt solltest Du es doch können». Genau dieser Moment interessiert mich, nicht als Problem, sondern als Hinweis darauf, wie tief unser Wunsch sitzt, Lernen abzukürzen – und wie schnell wir dabei den Kontakt zu uns selbst verlieren.

Warum mich das an Gewaltfreie Kommunikation erinnert
In der Gewaltfreien Kommunikation erlebe ich etwas sehr Ähnliches. Viele Menschen kommen mit einem gut gemeinten inneren Anspruch: «Ich sollte das jetzt richtig machen – alle vier Schritte gleichzeitig, möglichst souverän und stimmig.» Genau dadurch entsteht oft Druck. Die Sprache wird hölzern, der Körper angespannt, und der Kontakt zu sich selbst gerät aus dem Blick. Dabei ist GFK kein Leistungssport, sondern eine Lernbewegung. Sie vertieft sich nicht durch Wissen, sondern durch Wiederholung, Erfahrung und wachsende innere Sicherheit.
Was wäre, wenn wir GFK ähnlich üben würden wie Tennis? Nicht alles auf einmal, sondern fokussiert. Für eine gewisse Zeit nur eine Sache: vor dem Sprechen bewusst innehalten und einen Atemzug nehmen. Oder Beobachtungen wertfrei formulieren, ohne sie sofort zu erklären. Oder sich in Stressmomenten ehrlich fragen, was gerade gebraucht wird. Auch klare Bitten lassen sich üben – einfach, konkret und offen, ohne Rechtfertigung und ohne versteckte Erwartungen.
Jeder dieser Schritte für sich ist klein. Und genau darin liegt seine Kraft. Wie beim Tennis entsteht mit der Wiederholung etwas Neues: sprachliche Geschmeidigkeit, innere Sicherheit und zunehmend Vertrauen in den eigenen Ausdruck. Nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil etwas verkörpert wurde.
1% Veränderung bringt maximale Wirkung
Diese Art des Übens entspricht dem Geist der Gewaltfreien Kommunikation, wie ihn Marshall B. Rosenberg verstanden hat: nicht als Technik, die man beherrscht, sondern als Haltung, die über Zeit wächst. James Clear beschreibt in seinem Buch «Die 1%-Methode – Minimale Veränderung, maximale Wirkung» dass nachhaltige Veränderung nicht durch grosse Vorsätze entsteht, sondern durch das, was wir im Alltag wiederholt tun. Genau das erlebe ich auch in der Gewaltfreien Kommunikation: Nicht der Wunsch, es künftig besser zu machen, sondern die bewusste Entscheidung, einen kleinen Aspekt immer wieder zu üben, lässt Haltung entstehen.
Mein Fazit
Vielleicht ist der Beginn eines neuen Jahres weniger ein Moment für grosse Vorhaben als für einen klaren Fokus. Nicht alles verändern zu wollen, sondern eine Bewegung zu wählen und sie zu üben – mit Geduld, Präsenz und der Erfahrung, dass Schritt für Schritt oft weiterträgt als jeder perfekte Vorsatz.
Weiterführende Artikel: Gewaltfreie Kommunikation? Psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz fördern Klare Bitten formulieren
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